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Entstehung
- Wege sehen und gehen -

Sehr geehrte Damen und Herren,

Mein Name ist Lothar Richter. Ich bin Gewerkschaftssekretär bei Verdi Göttingen.

Zunächst einmal möchte ich Sie alle, als Hausherr in diesen Räumen zu unserer Tagung hier in Göttingen ganz herzlich willkommen heißen. Diese Tagung hat ein außerordentlich großes Interesse gefunden. Wir haben weit mehr Anmeldungen erhalten, als wir unterbringen konnten. Ich finde es sehr bemerkenswert, dass 50 Experten, die direkt mit Arbeitsplatzkonflikten zu tun haben, aus den verschiedensten Fachrichtungen sich hier zusammen gefunden haben.

Wir wollen uns heute intensiv mit einer Thematik beschäftigen, die seit vielen Jahren einen immer größeren Raum im Arbeitsleben einnimmt.

Anlass dafür, dass diese Tagung in Göttingen, fast in der Mitte Deutschlands, stattfindet, ist die Tatsache, dass hier in Göttingen vor 10 Jahren die erste Mobbingberatungsstelle mit einem systemischen Beratungsansatz gegründet wurde.

Auslöser waren Presseveröffentlichungen, u .a. in der Fachzeitschrift Management und Seminar, die seinerzeit von mir als Rechtssekretär der DAG veranlasst wurden.

Meine Motivation an die Presse zu gehen, war der Wunsch, eine Diskussion über Lösungsmöglichkeiten bei Arbeitsplatzkonflikten voran zu treiben.

Obwohl mir seinerzeit die Bedeutung des Wortes „systemisch“ eher unbekannt war, gehörte ich von Anfang an zu denen, die davor gewarnt haben, Arbeitsplatzkonflikte nach dem Täter/Opfer-Schema zu definieren und dort auch Lösungsansätze zu suchen.

Für mich war klar, dass Konflikte, an denen mehrere Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter einschließlich der Führung beteiligt waren, auch nur unter Einbeziehung aller Beteiligten positiv zu lösen sind. Ich möchte mir ersparen, hier an dieser Stelle näher darauf einzugehen. Wir werden uns im Laufe der Tagung noch sehr intensiv damit beschäftigen.

Kurz nach den Presseveröffentlichungen meldete sich Thomas Böcker von profile, Büro für Organisationsberatung und Supervision aus Hannover bei mir und fragte an, ob wir nicht zusammen arbeiten wollten, indem wir in Göttingen ein gemeinsames Projekt starten. Wie es dann weiterging wird Beate von Eisenhart-Rothe schildern.

Beginn der Mobbingberatung
Mein Name ist Beate von Eisenhart Rothe, ich habe mit Lothar Richter, Thomas Böcker von profile vor 10 Jahren die Mobbingberatungsstelle in Göttingen aufgebaut.

Unser Ziel war es mit Mobbingbetroffenen Wege aus der scheinbar ausweglosen Mobbingsituation zu finden, und ihre Schritte heraus - bis sie wieder festen Boden unter den Füßen haben,- zu begleiten. Betriebe sollten motiviert werden, präventiv tätig zu werden.

Es entwickelte sich eine fachliche Zusammenarbeit zwischen arbeitsrechtlicher und systemischer Konfliktberatung am Arbeitsplatz. Der spezielle Beratungsbedarf war unerwartet hoch. Unter der „Schirmherrschaft“ der Barmer Ersatzkasse Göttingen entstand ein Modellprojekt: Beratung für Mobbingbetroffene und Betriebe auf der Grundlage der Qualitätskriterien der VDAK. Für ¼ Jahr konnten Mobbingbetroffene kostenlos bei der Barmer Ersatzkasse Beratungen in Anspruch nehmen, und die Betriebe hatten die Möglichkeit, sich über Informationsveranstaltungen und Schulungen mit Lösungsmöglichkeiten bei Mobbing auseinander zu setzen. Der Bedarf nach - insbesondere individueller - Beratung war unerwartet hoch. Die Beratungen wurden von den Mobbingberatungsstellen ausgewertet mit dem Ergebnis, dass ein Großteil der Betroffenen mit 6 bis 14 Beratungssgesprächen entweder ihre soziale Arbeitssituation verändern konnten oder aber sich in der Lage fühlten nach einem neuen Arbeitsplatz Ausschau zu halten. Die gesundheitlichen Störungen gingen bei den meisten mit der neu entwickelten beruflichen und persönlichen Handlungsperspektive zurück. Nach einem Jahr übernahmen fast alle gesetzlichen Krankenkassen in Göttingen die Beratung für ihre Versicherten.
Es entstanden noch weitere Beratungsstellen in Frankfurt/Main und Berlin in ähnlicher Kooperation. In Berlin unterstützte außerdem die Ärztekammer die Beratungsstelle
1996/97 wurde die „Seehofer Reform“ umgesetzt. Mit der öffentlich populistisch geführten Diskussion über die „Gesundheitskosten“ wurde die Streichung der betrieblichen Gesundheitsförderung, die damals maximal 3% der Krankenkassenausgaben ausmachte, legitimiert. Die Finanzierung der Mobbingberatung für Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen wurde ebenfalls gestrichen.

Gründung von „mobbing-net.de“ Verein für Arbeitsschutz und Gesundheit durch systemische Mobbingberatung und Mediation e.V.
Lothar Richter:
Das bewährte Team profile und Lothar Richter wurde erweitert durch Herrn Rechtsanwalt Korb, Frau Dr. Müller, damals Oberärztin in der Medizinischen Hochschule Hannover und 1. Vorsitzende des Verbandes der Oberärzte und angestellten Fachärzte Deutschlands e.V. und Herrn Birkhahn , damals 1. Vorsitzender der hbv - Berlin. Wir führten u. a. eine ganze Reihe von Betriebsrats und Personalrats-Schulungen durch, entwickelten und setzten lösungsorientierte Konzepte in Zusammenarbeit mit der (Arbeitsrecht) Kanzlei Korb um. Diese wichtigen und sehr weiterführenden gemeinsamen Erfahrungen haben dazu geführt, dass wir uns auf der Experten- und Beraterebene organisierten und im Jahr 1999 den „Verein für Arbeitsschutz und Gesundheit durch systemische Mobbingberatung und Mediation“ gründeten. Ebenfalls zählen Frau Dr. Braumann als Allgemeinärztin – ehemals Betriebsärztin - und Herr Dr. Gerecke, Betriebsarzt bei „enercity Hannover AG“ und 1. Vorsitzender deutscher Betriebs- und Werksärzte, LV Niedersachsen e.V. zu den Mitgliedern der „1. Stunde“.

Wir richteten sofort eine ABM-Stelle ein.
Dadurch gelang es uns, eine Internetpräsenz zu entwickeln, die unter dem Namen „mobbing-net.de“ mitlerweile bundesweite Beachtung findet.
Im Forum auf der Internetseite können sich Betroffene austauschen, was allerdings, und - dies sei kritisch angemerkt- immer mehr Menschen veranlasst, dort unsachgemäße Inhalte einzustellen. Das geht leider auch bis zur Verlinkung von Pornoseiten. Deswegen werden wir das Gästebuch aufgeben müssen.
Der Verein hatte sich die Aufgabe gestellt, den Mobbingberatungsstellen den notwendigen interdisziplinären Hintergrund für Qualität, Information und Aufklärung sowie praktischer Kooperation zu geben. In den 10 jährigen Erfahrungen mit den Mobbingberatungsstellen wurden Qualitätskriterien aufgestellt, die Voraussetzung für individuelle und betriebliche Beratung sind.
Zusätzlich ist der Verein bemüht, Finanzierungsunterstützung für Betroffene, die sich die Beratung nicht leisten können, herauszufinden.
Die Mobbingberatungsstellen konnten innerhalb dieses Netzes die Qualität der Arbeit trotz der finanziellen Erschwernis weiter entwickeln.
Der Verein beteiligt sich aktiv an Gremien, Messen und Tagungen und baut sein fachliches Netz immer weiter aus.

Was ist das Besondere an der Zusammenarbeit ?
Die systemische Analyse von Mobbinghandlungen eröffnet dem Betroffenen individuelle Handlungsmöglichkeiten, die nach Bedarf praktisch begleitet werden. Das Ziel der Beratung ist es, die Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und den Arbeitsplatz zu erhalten, bzw. persönliche Voraussetzungen zu schaffen, die die Aufnahme eines neuen Arbeitsplatzes ermöglichen.
Mit Unterstützung von“ mobbing-net.de“ wird interdisziplinär mit den für die Fürsorge, Gesunderhaltung und Arbeitschutz der arbeitenden Menschen mitverantwortlichen Funktionsbereiche im Betrieb sowie Organisationen und Verbände außerhalb des Betriebes zusammengearbeitet, um die „Integration“ von Betroffenen zu ermöglichen und Handlungsinstrumente präventiv und interaktiv im Betrieb zu entwickeln.
Der Verein „mobbing-net.de“ forciert auch unabhängig von Beratungen durch seine Mitglieder aus unterschiedlichen Professionen den fachübergreifenden Austausch durch Mitgliedschaft und Mitarbeit in Gremien. Deshalb freuen wir uns auch sehr, dass sehr viele Fachleute aus dem betrieblichen Arbeitsschutz heute an unserer Tagung teilnehmen.

Tagungsinhalt
Beate v. Eisenhart Rothe:
Die Tagungen von „mobbing-net..de“ haben immer einen Schwerpunkt. Dieses Mal geht es um Betriebsvereinbarungen und Konfliktlösungsprozesse in Betrieben, die die Reintegration von Mobbingbetroffenen ermöglichen können.

Folgende Fragen werden die Tagung begleiten:
  1. Sind Betriebs- und Dienstvereinbarungen für „faires Verhalten am Arbeitsplatz“ wirklich das Instrument, mit dem Mobbinghandlungen begegnet werden können?
  2. Was muss alles im Betrieb passieren, damit diese Vereinbarungen angewendet werden?
  3. Welche Erfahrungen wurden mit der Umsetzung in Betrieben gemacht?
  4. Wie können die Erfahrungen weiter entwickelt werden?
  5. Dabei sollte es auf spezifische Qualitätsmerkmale ankommen, wie z.B.:
    • Die Art des Umganges mit dem hohem Vertrauensverlust der Betroffenen in zumeist alle innerbetriebliche Funktionen, Gremien u.ä.,
    • Diagnoseinstrumente zur Einschätzung der Mobbingsituation
    • Die Rolle der Betroffenen auf dem Weg aus der existentiellen Konfliktsituation heraus, wie auch die Rolle der sog. Mobber bei der Konfliktlösung,
    • Und in diesem Zusammenhang die Art, wie eine multiprofessionelle Kooperation mit in die Lösung einbezogen wird.
In den letzten Jahren haben sehr viele Betriebe und Verwaltungen Betriebsvereinbarungen gegen Mobbing abgeschlossen. Viele dieser Vereinbarungen lassen sich schwer umsetzen. Die Gründe sind unterschiedlich. Das kann an der „Schuldfalle“ liegen, die durch das in der Vereinbarung festgelegte Konfliktlösungskonzept intendiert ist; das kann an der betrieblichen Kultur liegen, die der Art, wie in der Vereinbarung die Konfliktlösungspraxis festgelegt wurde, entgegensteht; das kann an dem zu schnellen Abschluss zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat liegen, ohne die vorausgehende gemeinsame Kommunikation genügend geführt zu haben u.ä.

Mobbing ist in der Regel immer noch für die beteiligten Akteure im Betrieb - ob betroffen, beratend, sanktionierend - ein höchst unangenehmes Thema. Wer sich zu Mobbingaktionen im Betrieb verantwortlich verhält, wird leicht mit dem Thema negativ identifiziert. Mobbingkonflikte zu bearbeiten ist noch extrem schwierig. Es wird vielfach als Schmuddelthema behandelt.
Dabei wird häufig vergessen, dass Mobbinghandlungen erst einmal nicht in die Kategorie: Verbrechen, sondern in die Kategorie Konfliktlösung verweisen. Wenn das übersehen wird, leiden nicht nur die direkten Akteure im Mobbingprozess unter Gesundheitsstörungen, sondern die psychisch soziale Fehlbelastung am Arbeitsplatz kann sich drastisch verschlimmern. Aber die spürbaren Mobbingeskalationen führen nicht nur zu erhöhten Krankheitstagen, sondern auch die Mobbingstrukturen im Betrieb können die Krankheitsquote erhöhen, die Ineffektivität des Arbeitsprozesses verursachen und haben ihren Anteil an hoher Arbeits - Demotivation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Lothar Richter:
Konflikte im Betrieb zu lösen bedeutet, das Handlungsrepertoire auf allen Ebenen innerhalb und außerhalb des Betriebes zu erweitern. Ohne interdisziplinäre Zusammenarbeit kann weder den Betroffenen geholfen, noch sich die Kultur im Betrieb verändern. Mobbinghandlungen wirken persönlichkeitszerstörend, sie verweisen auf verschiedene tieferliegende Probleme und Konflikte im Betrieb. Bei der Behandlung von Symptomen dieser „Krankheit“, wie häufig in Betriebsvereinbarungen festgelegt, werden die verschiedenen Ursachen nicht sichtbar.

Auf der heutigen Tagung gibt es die Möglichkeit Erfahrungen mit dem praktischen Umgang von Betriebsvereinbarungen wie auch andere Handlungsmöglichkeiten auszutauschen.

Wir werden ab kommenden Jahr hier in Göttingen unsere gemeinsamen Aktivitäten verstärken, in dem wir auf Kooperationsebene wieder eine Anlaufstelle hier bei ver.di einrichten werden und versuchen wollen, intensiv an Betriebs- und Personalräte und auch an Unternehmen im Rahmen von Workshops heranzutreten.

Ich denke, wir sind auf einem guten Weg das Motto dieser Tagung
„Gesundes Arbeiten durch faires Verhalten am Arbeitsplatz“

umzusetzen und ich wünsche mir für Sie alle, dass Sie sich dazu entschließen, dieses Motto für sich zum Programm zu machen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

Lothar Richter, Vorstand mobbing-net.de
Rechtssekretär verdi Göttingen,
Beate v. Eisenhart Roth , Vorstand mobbing-net.de
Profile , Büro für Organisationsberatung und Supervision und Mobbingberatungsstelle Hannover

Wenn das Image eines Betriebes durch Mobbing geschädigt wird, hat das negative Auswirkungen auf die Kunden, innerhalb des Betriebes verlieren die Mitarbeiter das Vertrauen. Es braucht enorm viel Kraft und einen langen Atem, das Image und Vertrauen wieder auf zu bauen.